Highlight
Man kann sie leicht übersehen in ihrem ersten Jahr. Dann ist die Nachtkerze nicht mehr als eine eng am Boden anliegende Rosette aus länglich-eiförmigen Blättern von dunkelgrüner, teilweise rötlich angelaufener Farbe. Die zweijährige Pflanze legt den Schwerpunkt am Anfang ganz auf die Ausbildung der kräftigen Pfahlwurzel. Erst im zweiten Jahr kehrt sich das Erdnahe in ein Aufwärtsstreben – der Blattrosette entwächst ein Blütenstängel, oben teilweise verzweigt, an welchem sich nach und nach zwischen Juni und Ende September eine Blüte nach der anderen öffnet. Dieses Erlebnis ist jedem zu empfehlen! Mit der Dunkelheit entfalten sich die vier Kronblätter innerhalb weniger Sekunden, ein Naturschauspiel, welches in Mitteleuropa einzigartig ist1. Am Spätnachmittag bereits kann man erkennen, welche Knospe sich öffnen wird. Der gesamte Vorgang des Erblühens – das plötzliche Aufbrechen der Knospe und das stillere Strecken – nimmt nur einige Minuten in Anspruch. Die hellgelbe, im Dunkeln leuchtende Farbe und ein intensiver vanilleartiger Duft ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Nahaufnahme von Nachtkerzenblüten © Gabriele Hanke
Oenothera biennis – die Gemeine Nachtkerze – wurde vom Verein NHV Theophrastus als Heilpflanze des Jahres 2026 der Öffentlichkeit auf dem Heilkräuterfachsymposium im Lausitzer Kloster St. Marienstern vorgestellt . Ziel ist es, diese „schöne und familienfreundliche, weil in ihrer Gesamtheit essbare Pflanze“, wie es aus der verantwortlichen Jury heißt, in Hinblick auf ihr Gesundheits- und Heilpotenzial bekannter zu machen.
Herkunft und Ankunft
Nachtkerzen am Wegesrand © NHV Theophrastus
Anfang des 17. Jahrhunderts fand sie ihren Weg nach Europa. Eventuell ist sie als blinder Passagier mit den Waren aus der neuen Welt eingereist und nahm ihren Weg von den Häfen Englands kommend. Es gibt Hinweise, dass sie im Botanischen Garten von Padua die Faszination zahlreicher Park- und Gartenbesitzer erregte. Diese neue Zierpflanze, die fast immer eine Höhe von ein bis anderthalb Metern erreicht und auf so spektakuläre Weise ihre leuchtenden Blüten öffnet, ist nachweislich in den 1660er Jahren in Deutschland kultiviert worden5. Und weil Rapontika, wie sie auch genannt wird, nur geringe Ansprüche an ihren Standort stellt und jede einzelne Fruchtkapsel der etwa 120 Blüten einer ausgewachsenen Pflanze bis zu zweihundert Samen bildet, findet man ihre Vertreter heute in zahlreichen Teilen der gemäßigten Breitengrade.
Delikatesse
Den zweiten Höhepunkt ihrer Beliebtheit erreichte die Nachtkerze durch Bekanntwerden ihrer kulinarischen Vorzüge. Die Blüten sind eine angenehm süße Dekoration von Desserts und Salaten. Die jungen Blätter schmecken gedünstet oder als Blattgemüse in Suppen3, die Samen verfeinern Müslis, Salate und Brote1. Und die Wurzel, in Zubereitung und Geschmack ähnlich der Schwarzwurzel, war so populär, dass die Pflanze in weiten Teilen auch Schinkenwurz genannt wurde. Dabei nimmt der Name nicht nur Bezug auf ihre fleischige Farbe, sondern auch auf die Erkenntnis, dass sie nahrhafte und kräftigende Speise ist. Die überlieferte Redewendung vom Pfund Schinkenwurzel, das mehr Kraft gebe als das Zentner Ochsenfleisch, veranschaulicht die Wertschätzung auf überspitzte Weise. die Wurzel der Nachtkerze © Gabriele Hanke
Samenöl
Der Mensch neigt dazu, das von ihm Bevorzugte im Übermaß zu konsumieren und, sobald es ihm langweilig wird, komplett wieder aus seinem Leben zu entfernen. Der Nachtrose (in England heißt sie „evening primrose“) passierte es wie den meisten Moden: Für eine begrenzte Zeit stand sie erst als Zierpflanze, später als Delikatesse im Zentrum der Öffentlichkeit, um danach in der Versenkung zu verschwinden. Glücklicherweise bleibt Wertvolles dennoch meist erhalten und gelangt nach einer gewissen Zeit ins Bewusstsein zurück.
Inhaltsstoffe
In den 1980er Jahren entdeckten Wissenschaftler der Universität Würzburg6, dass das aus den Samen der Nachtkerze gewonnene Öl die für uns lebenswichtige und bei Pflanzen selten vorkommende γ-Linolensäure in beachtlicher Menge enthält. Gemeinsam mit der ebenfalls enthaltenen essentiellen Linolsäure bietet Nachtkerzenöl somit eine ungewöhnliche Komposition mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Bekannt als Omega-Fettsäuren sind sie aufgrund ihres chemischen Aufbaus besonders reaktionsfreudig am Stoffwechsel beteiligt7. Eine niedrige Dosierung ist daher angezeigt (4 bis 6 g Tagesdosis für Erwachsene verteilt auf 2 Portionen4), um das körpereigene Gleichgewicht nicht übermäßig zu beeinflussen7. Aufgrund der geringen Größe der Samen von 1–2 mm Länge und einem Ölgehalt von um die 25 % ist die Gewinnung des Öles zudem kostspielig. So klein sind die Samen aus einer Kapsel der Nachtkerze. © Gabriele Hanke
Einsatzbereiche
Die Funktion und Regeneration unserer Haut profitiert in besonderem Maß von der γ-Linolensäure, sodass eine Kombination aus innerlicher und äußerlicher Anwendung bei Schuppung, Irritationen und Trockenheit sinnvoll erscheint. Dabei kann das Öl direkt nach dem Duschen in die noch feuchte Haut gut eingestrichen werden1, oder aber mit einem Basisöl wie Jojoba 1:10 gemischt werden7. Das Gehirn benötigt für eine gesunde Entwicklung ebenfalls die genannten Fettsäuren. Konzentrationsschwierigkeiten bei Kindern werden erfolgreich auch mit Nachtkerzenöl behandelt. Aufgrund seiner hormonregulierenden Eigenschaften beruhigt Nachtkerzenöl und eignet sich zur Begleitung der Menstruation und Wechseljahre sowie bei Schlafstörungen. Als erforderliche Voraussetzung für die Bildung körpereigener Gewebshormone unterstützt γ-Linolensäure schließlich auch bei der Heilung entzündlicher Prozesse4.
Studienlage
Fachleute kommen bisher zu unterschiedlichen Aussagen, wenn es um den arzneilichen Nutzen des Nachtkerzenöls bei Neurodermitis (= Atopisches Ekzem) geht8. Die Einen erkennen keine nachweisbare Wirkung9. Andere weisen auf das bisher nicht vollständige Verständnis um die Ursachen des Atopischen Ekzems hin und auf fehlende Untersuchungen hinsichtlich der Verbesserung der Lebensqualität im Vergleich zur konventionellen Therapie10. Hier sind weiterführende Forschungen wünschenswert. Die Europäische Arzneimittelagentur anerkennt allerdings aufgrund langjähriger Erfahrungen, dass Nachtkerzenöl bei juckender, trockener Haut innerlich angewendet hilft. Sie benennt in ihrer Monografie sowohl Oenothera biennis als auch Oenothera lamarckiana als Ursprungspflanze. Wohlbefinden für Jung und Alt © Mikhail Nilov/ Pexels
Anwendung
Offensichtlich hat die Natur uns mit dem Nachtkerzenöl ein Mittel an die Hand gegeben, welches kostbare Inhaltstoffe birgt und in seiner komplexen Wirkweise noch eingehend ergründet werden muss, bevor wir es bestmöglich einzusetzen wissen. Einen Versuch ist es allemal wert – mit Achtsamkeit und sicherheitshalber in Absprache mit dem Therapeuten des Vertrauens. An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass mit Geduld gearbeitet werden sollte. Eine nachhaltige Verbesserung der Haut oder des Hormonsystems braucht Zeit7.
Bekannte Nebenwirkungen bei der Anwendung von Nachtkerzenöl sind gelegentliche Magenverstimmungen und selten allergische Reaktionen11. Epileptikern wird dringend zu einem Vorgespräch mit ihrem Arzt geraten.
Neues entdecken
Nachtkerzenblüte im Gegenlicht © NHV Theophrastus
NHV Theophrastus, Oktober 2025
Quellen:
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Genç, Feryal Kosan: Die Nachtkerze (Oenothera biennis) – Mehr als nur eine Wohltat für die Haut, Der Heilpraktiker Juni/2023↩↩↩
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Handbuch des Arznei- und Gewürzpflanzenbaus Bd. 5, Hrsg.: Dipl.-Ing. agr. oec. Bernd Hoppe, Eigenverlag Verein für Arznei- und Gewürzpflanzen SALUPLANTA e. V., Bernburg, 2013.↩
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Storl, Wolf-Dieter: Bekannte und vergessene Gemüse (Ethnobotanik, Heilkunde und Anwendungen) 3. Auflage, AT Verlag, Aarau/ Schweiz, 2012.↩↩
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Bäumler, Siegfried: Heilpflanzen Praxis heute (Porträts, Rezepturen, Anwendungen), Urban & Fischer Verlag, München, 2007.↩↩↩↩
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https://de.wikipedia.org/wiki/Gemeine_Nachtkerze vom 06.10.2025↩
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https://www.kneipp.com/kneipp-wissen/inhaltsstoffe/nachtkerzenoel/ vom 23.04.2025↩
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von Braunschweig, Ruth: Pflanzenöle 6. Auflage, Stadelmann Verlag, Wiggensbach, 2018.↩↩↩↩
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Bachmann, Christoph: Nachtkerzensamenöl bei atopischer Dermatitis – Unterschiedliche Datenlage über Wirksamkeit, Ars Medici (2/2011) bei Rosenfluh Publikationen, https://www.rosenfluh.ch/arsmedici-thema-phytotherapie-2011-02/nachtkerzensamenol-bei-atopischer-dermatitis-2↩
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Neurodermitis: Keine Evidenz für Borretsch- oder Nachtkerzenöl, Deutsches Ärzteblatt vom 30.04.2013, https://www.aerzteblatt.de/news/neurodermitis-keine-evidenz-fuer-borretsch-oder-nachtkerzenoel-9215db2b-cace-41be-abb7-17107175b3bd↩
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Hacke, Daniela: Wirksamkeit von Nachtkerzen- und Borretschöl bei Neurodermitis, Artikel vom 01.05.2013, https://www.carstens-stiftung.de/artikel/wirksamkeit-von-nachtkerzen-und-borretschoel-bei-neurodermitis.html↩
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Whitlock, Catherine: Die heilende Kraft der Kräuter (Traditionelle und moderne Heilpflanzen), Librero IBP für die deutsche Ausgabe, Print Company Verlagsgesellschaft m. b. H., Wien, 2025.↩↩↩