Diese Blüten haben den Dreh raus!

Mit der Abenddämmerung entfaltet sie ihre Blütenblätter in verblüffendem Tempo. Dieses eindrucksvolle Naturschauspiel sollte man sich an einem lauen Sommerabend unbedingt einmal live anschauen. Wir haben hier erste Eindrücke zusammengestellt.

Die Blüten der Nachtkerze erscheinen schlicht und bezaubernd zu gleicher Zeit.
Jeweils vier identische, hellgelbe Kronblätter vereinen sich zu einer leuchtenden Blütenschale von etwa 2 cm Radius. Sie entwachsen den oberen Blattachseln des Stängels. Von Anfang Juni bis in den Herbst hinein öffnen sich nach und nach einzelne Blüten, um nach einer Dauer von ein bis zwei Tagen wieder zu welken. So lassen sich über den Sommer an der stetig weiterwachsenden Nachtkerze parallel Knospenbildung, Blüte und die Entwicklung des Samens verfolgen.

Die recht kurze Blühdauer ihrer Einzelblüten macht die Pflanze auf eindrucksvolle Weise wett: Ist eine Knospe in ihrer vollen Länge ausgebildet, so öffnen sich ihre Kelch- und Blütenblätter innerhalb weniger Augenblicke.

Eine Nachtkerze öffnet ihre Blüte. © Gabriele Hanke, fotografie-pur.de

Es handelt sich hierbei keinesfalls um eine Zeitraffer-Bearbeitung! Die Schnelligkeit, mit der die Nachtkerze ihre Knospen öffnet, ist für Mitteleuropa tatsächlich einzigartig.
Diese bezaubernde Eigenheit verschaffte ihr den Zutritt zu den Parks und Gärten der Barockzeit. Ursprünglich stammt sie aus dem östlichen und zentralen Nordamerika. Damit zählt die auch Nachtschlüsselblume, Eierblume oder Rapontika genannte Pflanze zu den Neophyten.

Heutzutage findet man die Nachtkerze eher jenseits der Gärten an meist unwirtlichen Standorten. Und gerade unter kargen, trockenen Bedingungen bildet sie eine große und kräftige Wurzel aus. Auf diese Weise erhöht sie ihre Chancen Nährstoffe und Wasser zu bekommen. Auch ihre Art zu blühen, verschafft ihr strategische Vorteile im Bemühen sich zu vermehren.
Die meisten Pflanzen öffnen ihre Blüten im Sonnenschein und viele drehen sich sogar mit dem wandernden Licht im Laufe des Tages. Zahlreiche pollen- und nektarsuchende Insekten finden so ihren Weg zur Nahrung und befruchten die Blüten im selben Atemzug. Die Nachtkerze schließt sich nicht dem allgemeinen, überreichen Angebot an die Bestäuber an, sondern öffnet sich den nachtaktiven Nahrungssuchenden. Damit erhöht sie die Wahrscheinlichkeit, von geeigneten Insekten angeflogen zu werden. Zusätzlich lockt sie manche mit ihrer, gerade im abnehmenden Licht, auffälligen Blütenfarbe. Es ist noch nicht abschließend geklärt, ob Nachtkerzenblüten aus sich heraus fluoreszieren oder aber das letzte Tageslicht gekonnt reflektieren. Zumindest stellt das leuchtende Schwefelgelb einen guten Blickfang dar. Und andere Insekten, welche eher nicht auf visuelle Reize ansprechen, versteht die Nachtkerze mit einem süßlichen Duft anzulocken. Diesen verströmt sie kurz nachdem sich ihre Kronblätter vollständig entfaltet haben.

Die hellgelben Kronblätter der Nachtkerze entfalten sich deutlich wahrnehmbar. © Gabriele Hanke, fotografie-pur.de

Der zugrunde liegende Wirkmechanismus ist Forschern unterdessen in Ansätzen bekannt. So weiß man, dass auch die Rhythmen der Pflanzen von einer zirkadianen Uhr bestimmt werden. Dieser innere Taktgeber funktioniert vermutlich auf Basis von Pflanzenhormonen, welche auf diverse Umweltfaktoren wie Temperatur und Helligkeit reagieren und unterschiedliche Zellfunktionen aktivieren. Des Weiteren gibt es Unterschiede im Größenwachstum. Dadurch können die fertig gebildeten Kronblätter zu gegebener Zeit die sie schützend umhüllenden Kelchblätter aufsprengen.

Der Blütenstand einer Nachtkerze von oben betrachtet – gut erkennbar ist auch das Nebeneinander werdender und vergehender Blüten. © Gabriele Hanke, fotografie-pur.de

Es ist faszinierend. Mit Sicherheit kann die Wissenschaft in naher Zukunft ganz genau erklären, wie die einzelnen Abläufe und Prozesse ineinandergreifen. Schon jetzt wissen wir, dass die Nachtkerze mit ihrem gesamten Sein optimal an die Besiedelung magerer Böden angepasst ist. Eine einzige Blüte bringt eine Frucht mit etwa 200 sehr langlebigen Samen hervor.
So findet die Nachtkerze doch immer mal den Weg in einen Garten. Sie sollte bleiben dürfen, denn diese Pflanze ist in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung. Neben Nachtfaltern profitieren beispielsweise Fledermäuse, denn wo ein gutes Nahrungsangebot für Insekten existiert, kommen auch sie auf ihre Kosten. Damit ist die Nachtkerze ein Zugewinn für unsere Umwelt ebenso wie für unsere Gesundheit. Und wer sich ihr Erblühen an einem schönen Sommerabend zu Gemüte führt, wird sich durch dieses Erlebnis bereichert fühlen.

NHV Theophrastus, Juni 2026


Quellen:

Erzinger, Felicitas: Blumen, die die Zeit anzeigen; https://www.higgs.ch/blumen-die-die-zeit-anzeigen/51640/ vom 27.05.2026

https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/bluetenbewegungen/9558 vom 28.05.2026