Wenn in der Abenddämmerung die leuchtend gelben Blüten der Nachtkerze aufgehen, beginnt ein faszinierendes Naturschauspiel: Innerhalb weniger Minuten entfalten sich ihre Blütenblätter und verströmen nach vollständiger Öffnung einen süßlich-aromatischen, weinartigen Duft, der vor allem Nachtfalter anzieht. Doch nicht nur ihre außergewöhnliche Blütezeit macht die Nachtkerze bemerkenswert. Auch in der Naturheilkunde und Dermatologie hat sich die Pflanze einen Platz erobert. Aus ihren Samen wird ein wertvolles Öl gewonnen, das traditionell zur Pflege trockener, empfindlicher und juckender Haut eingesetzt wird und auch bei Neurodermitis hilfreich sein kann.
Die Nachtkerze – eine Pflanze mit besonderem Rhythmus
Im Dämmerlicht scheint die Nachtkerze aus sich heraus zu leuchten. © NHV Theophrastus/ Kristina Harzer
Ihren Namen hat die Pflanze aus einem bestimmten Grund: Die Blüten öffnen sich erst in den Abendstunden, tagsüber blüht sie eher selten. In der Dämmerung öffnen sich ihre Blüten so schnell, dass man ihnen dabei zusehen kann.
Bereits der Botaniker Hegi beschrieb 1926 das faszinierende Schauspiel der Blütenöffnung:
„Die Blüten öffnen sich gegen 18 Uhr. Dabei öffnen sich auch die Staubbeutel, während die Narbe noch geschlossen bleibt. Am Tage schließen sich die Blüten mehr oder weniger vollkommen, um sich erst in der zweiten Nacht wieder zu öffnen. Jetzt sind die Staubbeutel verwelkt [...]. Vorwiegend langrüsselige Abend- und Nachtschmetterlinge sind daher Bestäuber.”
Im Volksmund trägt die Nachtkerze zahlreiche Namen, darunter Weinblume, Eierblume oder Nachtschlüsselblume.
Besondere Inhaltsstoffe des Nachtkerzenöls
Heute steht vor allem das aus den Samen gewonnene Nachtkerzenöl (Oleum Oenotherae semen) im Mittelpunkt. Gewonnen wird Nachtkerzenöl aus den Samen von Oenothera biennis L. oder Oenothera lamarckiana L. durch Pressung und/oder Extraktion mit anschließender Raffination. Um das empfindliche Öl zu schützen, kann ein Antioxidans zugesetzt werden. Dieses verhindert, dass das Öl ranzig wird. Das aus Nachtkerzensamen gewonnene Öl ist hellgelb. © NHV Theophrastus
Der größte Teil des Öls mit 98 % besteht aus natürlichen Fettbausteinen, den sogenannten Triacylglycerolen, darunter:
- Linolsäure: etwa 65–80 %
- Gamma-Linolensäure: etwa 8–14 %
- Weitere Fettsäuren: Ölsäure, Palmitinsäure, Stearinsäure
Übrige Bestandteile sind unter anderem Triterpene, Vitamin E und Phospholipide. Die Samen selbst sind reich an Aminosäuren und Mineralstoffen wie Calcium, Magnesium und Kalium. Im Öl sind diese aber nur in Spuren enthalten.
Aus Sicht der Dermatologie sind vor allem zwei Bestandteile besonders spannend: Linolsäure und Gamma-Linolensäure. Um zu verstehen, weshalb diese beiden Fettsäuren eine Rolle spielen, lohnt sich ein Blick auf die Hautbarriere.
Die Hautbarriere – Schutzschild der Haut
Unsere Haut ist mehr als nur eine Hülle: Sie besitzt eine natürliche Barriere, die wie ein schützender Film zwischen unserem Körper und der Umwelt wirkt. Sie liegt in der obersten Hautschicht, der Hornschicht (Stratum corneum). Ihre wichtigste Aufgabe besteht darin, den Körper vor äußeren Einflüssen wie Krankheitserregern, Schadstoffen, Allergenen und Reizstoffen zu schützen. Gleichzeitig verhindert sie einen übermäßigen Wasserverlust. Auf unsere Haut wirkt sowohl Angenehmes wie auch Schädliches ein, da sie unsere äußere Abgrenzung und ein wichtiges Sinnesorgan ist. © Pexels/ Nothing Ahead
Die Bedeutung dieser natürlichen Schutzfunktion der Haut zeigt sich besonders bei Hauterkrankungen, bei denen diese beeinträchtigt ist. Eine der bekanntesten Erkrankungen in diesem Zusammenhang ist die atopische Dermatitis.
Warum die Hautbarriere bei Neurodermitis so wichtig ist
Die atopische Dermatitis, besser bekannt als Neurodermitis, gehört zu den häufigsten chronisch-entzündlichen Hauterkrankungen. Typisch sind trockene, schuppige Haut, starker Juckreiz und wiederkehrende Ekzeme. Die Entstehung von Neurodermitis ist vermutlich multifaktoriell, aber noch nicht vollständig geklärt.
Heute geht man davon aus, dass dabei nicht nur das Immunsystem und das neurovegetative Nervensystem beteiligt sind. Auch die Hautbarriere und die Zusammensetzung der Hautlipide spielen wahrscheinlich eine entscheidende Rolle: Bei Menschen mit Neurodermitis ist die Zusammensetzung der Hautlipide teilweise verändert.
Vermutet wird, dass bei einem Teil der Betroffenen die Umwandlung von Linolsäure zu Gamma-Linolensäure durch eine verminderte Aktivität der Delta-6-Desaturase gestört ist. Ein daraus resultierender Mangel von Gamma-Linolensäure könnte zur Beeinträchtigung der Schutzfunktion der Haut bei atopischer Dermatitis beitragen. Genau hier setzen die im Nachtkerzenöl enthaltenen Fettsäuren an.
Wie Nachtkerzenöl auf die Haut wirkt
Nachtkerzenöl enthält wertvolle Substanzen. © NHV Theophrastus
Linolsäure ist ein wichtiger Bestandteil der Hautfette in der Hornschicht. Sie ist insbesondere an der Bildung von Ceramiden beteiligt und damit ein wesentlicher Baustein der Hautbarriere. Eine ausreichende Versorgung mit Linolsäure trägt somit dazu bei, die Schutzfunktion der Haut aufrechtzuerhalten und Feuchtigkeitsverluste zu vermindern.
Gamma-Linolensäure unterstützt verschiedene Stoffwechselprozesse der Haut. Sie wird in Zellmembranen eingebaut und im Körper weiterverarbeitet. Dabei entstehen verschiedene Botenstoffe (wie zum Beispiel Prostaglandin E1), die an der Regulation von Entzündungs- und Immunprozessen beteiligt sind. Diese Botenstoffe können dazu beitragen, überschießende Entzündungsreaktionen zu regulieren und das natürliche Gleichgewicht der Haut zu unterstützen. In Bezug auf Neurodermitis wird diskutiert, ob die zusätzliche Zufuhr von Gamma-Linolensäure aus Nachtkerzenöl die verringerte Verfügbarkeit dieser Fettsäure teilweise ausgleichen kann.
Gerade auch die Haut alter Menschen neigt zu Trockenheit und Reizung. © Pixabay/ PeachMoon
Die HMPC-Monographie bewertet das Öl als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung von Juckreiz bei kurz- und langfristigen Hauterkrankungen.
Die Anwendung basiert dabei auf langjähriger Erfahrung („traditional use“). Die innerliche Einnahme wird erst ab einem Alter von 12 Jahren empfohlen.
In der Erfahrungsheilkunde wird Nachtkerzenöl ebenfalls seit langem bei atopischem Ekzem, schuppiger Haut und Hautrötungen verwendet.
Was sagt die Forschung?
Die Frage, ob Nachtkerzenöl die Haut tatsächlich messbar verbessert, wurde in mehreren Studien untersucht. Einige Untersuchungen konnten positive Effekte auf Hautfeuchtigkeit, Hautbarriere und atopische Dermatitis zeigen:
Eine Studie aus dem Jahr 2005 untersuchte die Wirkung von EPO (Evening Primrose Oil) an gesunden Erwachsenen auf Hautfeuchtigkeit, transepidermalen Wasserverlust, Rötung, Festigkeit, Elastizität, Ermüdungswiderstand und Rauheit. Nach zwölf Wochen Einnahme von Nachtkerzenöl verbesserten sich alle Parameter mit Ausnahme der Hautrötung.1
Bereits 1987 beobachtete eine weitere Studie bei Erwachsenen mit atopischem Ekzem Verbesserungen von Juckreiz, Trockenheit, des Grades der Entzündung, des Prozentsatzes der Körperoberfläche und des Gesamtschweregrades unter oralem Nachtkerzenöl. Die Autoren bewerteten das Öl jedoch ausdrücklich nicht als Ersatz für etablierte Therapien oder als alleinige Therapie und empfahlen Studien mit Präparaten, die mehr Gamma-Linolensäure enthalten als in ihrem verwendeten Öl.2 Blühende Nachtkerzen fallen tagsüber inmitten hoher Gräser und Pflanzen kaum auf. © NHV Theophrastus
Eine kleine klinische Studie mit 14 Personen mit trockener, juckender Neurodermitis zeigte unter Nachtkerzenöl eine deutliche Besserung der Hautsymptome. Parallel dazu normalisierten sich die Gamma-Interferon-Spiegel, was auf einen möglichen Einfluss auf das Immunsystem hindeuten könnte.4
Während diese Untersuchungen auf eine Verbesserung der Hautsymptome hinweisen, konnten andere Studien keinen klaren Vorteil gegenüber Placebo nachweisen.5 6 Aktuelle Leitlinien zur Behandlung der Neurodermitis empfehlen Nachtkerzenöl daher weder als Standardtherapie noch als alleinige Behandlung. Um die bisherigen Ergebnisse besser einzuordnen, wären weitere Untersuchungen interessant.
Anwendung in der Praxis
Wer Nachtkerzenöl ausprobieren möchte, kann es sowohl innerlich als auch äußerlich anwenden.
Zur innerlichen Einnahme stehen Weichkapseln zur Verfügung, die über mehrere Wochen eingenommen werden. Diese Kapseln findet man häufig unter dem Begriff EPO-Kapseln. Wichtig zu wissen: Die im Handel erhältlichen Nachtkerzenöl-Kapseln sind in Deutschland üblicherweise Nahrungsergänzungsmittel und keine zugelassenen Arzneimittel. Meist wird eine Anwendungsdauer von mindestens acht bis zwölf Wochen empfohlen, da mögliche Effekte erst verzögert auftreten. Bis die Haut sich spürbar verbesssert, braucht es auch Geduld. © Pexels/ Jordan Benton
Äußerlich wird Nachtkerzenöl vor allem in Cremes, Lotionen und Hautpflegeprodukten verwendet, zum Beispiel in Kombination mit anderen Inhaltsstoffen wie Mandelöl, Jojobaöl oder Johanniskrautextrakt. In der Apotheke wird das Öl zudem häufig in individuelle Rezepturen eingearbeitet, um die Pflege gezielt an die Bedürfnisse empfindlicher Haut anzupassen. Dies wird oft von Ärzten in speziellen Rezepturen – besonders für Kinder – verordnet und dann vor Ort in der Apotheke angefertigt.
Was gibt es bei der Anwendung zu beachten?
Nachtkerzenöl ist beispielsweise in Weichkapseln erhältlich. © Pexels/ Laura Beauty Designer | Brasil
Schwangere und Stillende sollten die Anwendung vorsorglich mit einer fachkundigen Person abklären lassen. Säuglinge und Kinder unter einem Jahr sollten kein Nachtkerzenöl einnehmen.
Auch bei bestehenden Erkrankungen oder gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten ist eine Rücksprache mit einem Arzt oder in der Apotheke sinnvoll.
Unter der Behandlung mit Phenothiazinen wurden vereinzelt epileptische Anfälle beobachtet. Zudem können Wechselwirkungen mit Antithrombotika nicht ausgeschlossen werden.
Fazit
Nachtkerzenöl ist ein bewährtes pflanzliches Öl zur unterstützenden Pflege trockener, empfindlicher und juckender Haut. Besonders die enthaltenen Fettsäuren Linolsäure und Gamma-Linolensäure sind für die Haut interessant: Sie sind an der Zusammensetzung der Hautlipide beteiligt und können eine Rolle bei der Unterstützung der Hautbarriere sowie der Regulation von Entzündungsprozessen spielen.
Die Forschung zeichnet hier noch kein klares Bild: Einige Studien zeigen positive Effekte hinsichtlich Hautfeuchtigkeit, Juckreiz, Entzündung und Hautbarriere, andere konnten keinen eindeutigen Vorteil feststellen. Viele Betroffene berichten aber von einer subjektiven Verbesserung ihrer Hautbeschwerden.
Auch wenn Nachtkerzenöl keine etablierte Therapie ersetzt, kann es die tägliche Hautpflege sinnvoll ergänzen und die Haut in ihrer natürlichen Schutzfunktion unterstützen. So bleibt die Nachtkerze nicht nur wegen ihrer faszinierenden Blüten bemerkenswert – auch ihr Öl sorgt bis heute dafür, dass die Pflanze in Naturheilkunde und Dermatologie besondere Aufmerksamkeit genießt.
Stephanie Leipziger, 2026
Licht und Wärme scheinen diese Nachtkerzenblüten in sich zu tragen und abgeben zu wollen. © NHV Theophrastus/ Kristina Harzer
Quellen:
Europäisches Arzneibuch Ph.Eur.
Natur und Heilen 09-2008 – Barbara Kunick-Wünsche: Natürliche Alternativen zu natürlichen Schmerzmitteln
Der Gesundheitsberater 03-2026 – Dr. med. Jürgen Birmanns: Nachtkerze
https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0042-115761.pdf
Bäumler, S.: Heilpflanzenpraxis heute, Urban & Fischer bei Elsevier, München, 1. Auflage 2007
https://www.vitalstoff-lexikon.de/Fettsaeuren/Gamma-Linolensaeure-GLA/Funktionen
https://www.pharmawiki.ch/wiki/index.php?wiki=Nachtkerzenoel
https://flexikon.doccheck.com/de/Neurodermitis
https://www.pharmazeutische-zeitung.de/heilpflanze-des-jahres-2026-die-gemeine-nachtkerze-156503/
https://annazempstiftung.ch/wissen/nachtkerzen-zeit/
https://www.apotheke-am-medizinzentrum.de/gesundheitsbibliothek/index/omega-6/
Senapati S, Banerjee S, Gangopadhyay DN. Evening primrose oil is effective in atopic dermatitis: A randomized placebo-controlled trial. Indian J Dermatol Venereol Leprol 2008; 74:447-452
Focke M, Sesztak-Greinecker G, Brannath W et al. Plasma levels of polyunsaturated fatty acids in children with atopic dermatitis and in atopic and nonatopic controls. Wien
Klin Wochenschr 2005; 117 (13–14):485–491
-
R Muggli. Systemic evening primrose oil improves the biophysical skin parameters of healthy adults. International Journal of Cosmetic Science, 2005 Aug; 27(4):243-9.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18492193/↩ -
M Schalin-Karrila , L Mattila, C T Jansen, P Uotila. Evening primrose oil in the treatment of atopic eczema: effect on clinical status, plasma phospholipid fatty acids and circulating blood prostaglandins. The British journal of dermatology Juli 1987; 117(1):11-9.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/3307886/↩ -
Magdalena Timoszuk, Katarzyna Bielawska, Elżbieta Skrzydlewska. Evening Primrose (Oenothera biennis) Biological Activity Dependent on Chemical Composition. Antioxidants (Basel, Switzerland) 2018 Aug 14; 7(8):108
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30110920/↩ -
Sungpil Yoon, Jooheung Lee, Seungchul Lee. The therapeutic effect of evening primrose oil in atopic dermatitis patients with dry scaly skin lesions is associated with the normalization of serum gamma-interferon levels. Skin pharmacology and applied skin physiology, 2002 Jan-Feb; 15(1):20-5
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11803254/↩ -
Joel T M Bamford, Sujoy Ray, Alfred Musekiwa, Christel van Gool, Rosemary Humphreys, Edzard Ernst. Oral evening primrose oil and borage oil for eczema. The Cochrane database of systematic reviews, 2013
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23633319/↩ -
Justine Fenner, BS, Nanette B. Silverberg, MD. Oral supplements in atopic dermatitis. Clinics in Dermatology, 2018 Sep-Oct; 36(5):653-658↩